Wermut, 2016

Evelyn Moecking und Daniel Nehring

Galerie für Gegenwartskunst Bremen

 

Pergamentartige Bänder, die an der Wand herunterfließen. Ein prägnanter Geruch, der einem in die Nase steigt. Mittels präparierter Rinderdärme, ursprünglich für die natürliche Herstellung von Fleisch- und Wurstprodukten gedacht, stellt Evelyn Moecking mit Kranz (2016) Fragen nach seiner Natürlichkeit und seiner Verwertung. So kühl wie ihre Herkunft arbeitet sie an diesen weiter, löst seine organische Form auf und überführt – wie nebenbei – das Schreckliche in Schönheit. Dann wird auch die Hühnerhaut, als Bildobjekt in eine Geometrie gezwungen und mit gefärbtem Wachs versehen, zu einem ästhetischen Träger; eröffnen sich hinter dem Handwerk der Präparation und der klassischen  Konservierung historische Dimensionen, die vom Kommen und Gehen erzählen. Gleichfalls Evelyn Moecking dieses beherrscht, fordert Daniel Nehring den Widerstand von Stahl, Bronze und Gips heraus. Dieser Überwindung widersetzt sich der Bock (2016), versperrt er doch schwer und starr den Türrahmen zwischen zwei Räumen. Die bedrohliche Überdimensionalität der Nähmaschinen eines Konrad Klapheck erinnernd, wischt die Größe jegliche Möglichkeit fort, das als Hindernis platzierte Hindernis mit physischer Kraftanstrengung zu bezwingen – eine Erlösung vom beklemmenden Gefühl, das ein Turnbock bei wohl jedem auszulösen vermag. Der Bezug zum enschlichen Körper nimmt auch die Rauminstallation vor dem Bock auf. Das Ensemble der neun über der Fußleiste befestigten Wandarmierungen aus Stahl und der daran befestigten weißen Gurte lassen an gewaltsame Fixierungen denken und provozieren gleichzeitig nur den Anschein von Funktionalität, denn sie bestehen lediglich aus schlaffem PVC. 

 

Was passiert, wenn Materialkombinationen aktiv aufeinander reagieren? Wenn der Künstler einen Prozess in Gang setzt, mit offenem Ausgang und die einzelnen Bestandteile das Erscheinungsbild der Skulptur selbst organisieren? So Daniel Nehrings Kern (2016), ein Objekt mit Molekularstruktur, bei dem Stahlpartikel im Gips zu rosten beginnen. Oder wie bei den Bronzegüssen skelettierter Hufen (2016), die der Künstler mit einer Patina versehen hat. Während des Oxidationsprozesses entstehen Salzablagerungen, die über das aufdringliche Erscheinungsbild einer Vagina hinwegzutäuschen vermögen. Mit Evelyn Moeckings Zeichnungen (2016) wird solch ein Ausbreiten tierischer Öle auf Papier dokumentiert, deren Fließbewegungen sichtbar gemacht. 

 

In Assoziation zu Wermutstropfen, fasst der Ausstellungstitel Wermut zusammen, was sich bei aller Anmut der Werke beider Künstler merklich macht: diese feine Spur von Schmerz, Ekel und Brutalität.

 

Text: Christina Möcking

 

Installationsansicht: Galerie für Gegenwartskunst Bremen

Fotos: Galerie für Gegenwartskunst Bremen, Daniel Nehring

 

 

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Wermut, 2016

Evelyn Moecking and Daniel Nehring

Galerie für Gegenwartskunst Bremen

 


Parchment-like ribbons that flow down the wall. A peculiar smell that rises to the nose. Using prepared beef casings, originally intended for the natural production of meat and sausage products, Evelyn Moecking with Kranz (2016) asks questions about its naturalness and its utilisation. As cool as her origin, she continues to work on it, dissolving its organic form and - by the way - transforming the terrible into beauty. Then also the chicken skin, forced into a geometry as a picture object and provided with coloured wax, becomes an aesthetic element; behind the craft of preparation and classical conservation, historical dimensions open up that tell of coming and going. Evelyn Moecking also masters this, Daniel Nehring challenges the resistance of steel, bronze and plaster. The Bock (2016) resists this overcoming, locking the door frame between two rooms in a heavy and rigid way. Reminiscent of the threatening overdimensionality of a Konrad Klapheck's sewing machines, the size wipes out any possibility of overcoming the obstacle placed as an obstacle with physical exertion - a release from the oppressive feeling that a gymnastic buck can trigger in probably anyone. The reference to the human body is also reflected in the installation in front of the trestle. The ensemble of the nine steel wall reinforcements fastened above the skirting board and the white belts fastened to them make one think of violent fixations and at the same time only provoke the appearance of functionality, because they consist only of flaccid PVC. 


What happens when material combinations actively react to each other? When the artist sets a process in motion, with an open exit and the individual components organizing the appearance of the sculpture themselves? Daniel Nehring's Kern (2016), an object with a molecular structure in which steel particles begin to rust in plaster. Or, as in the bronze cast of skeleton hooves (2016), which the artist has patinated. During the oxidation process, salt deposits are formed that are able to conceal the intrusive appearance of a vagina. Evelyn Moecking's drawings (2016) document such a spreading of animal oils on paper, making their flowing movements visible. 


In association with drops of wormwood, the exhibition title Wermut sums up what is noticeable in the gracefulness of the works of both artists: this fine trace of pain, disgust and brutality.

 

 

Text: Christina Möcking

 

 

Installation view: Galerie für Gegenwartskunst Bremen

Photographs: Galerie für Gegenwartskunst Bremen, Daniel Nehring

 

 

 

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